Führungen in die Berliner Unterwelt"unter-berlin" bietet Geschichte zum Anfassen im Prenzlauer Berg27.01.2010 Bettina Henningsen
Bunker unter dem Berliner Alex - unter-berlin
Die meisten Menschen assoziieren mit dem Begriff „Untergrund“ stillgelegte Nazi-Bunker, Technopartys oder die Gothic-Szene. In Berlin gehören die unterirdischen Gewölbe, Bunker und Tunnel zum Stadtbild ebenso dazu wie der Fernsehturm oder der Reichstag. Künstler nutzen sie für ihre Videoinstallationen, Theateraufführungen oder Kunstausstellungen. Und die Tourismusbranche hat schon lange entdeckt, dass sich das Thema „Bunker“ geschickt vermarkten lässt. Doch kaum jemand weiß genau, wer diese unterirdischen Bauwerke schuf, welchem Zweck sie dien(t)en oder was die Menschen unter der Erde eigentlich gemacht haben. Der Verein „unter-berlin“ – Führungen in den Untergrund BerlinsDer Untergrund übt von jeher eine große Anziehungskraft auf die Menschen aus. Dies brachte Eberhard Elfert, seines Zeichens Kunsthistoriker, auf die Idee, unterirdische Bauwerke für die Bildungsarbeit nutzbar zu machen. Nachdem er den Berliner Untergrund bereits jahrelang erkundet hatte, gründete er zusammen mit dem Historiker Niko Rollmann 2004 den Verein „unter-berlin“. Der Verein veranstaltet Führungen im Prenzlauer Berg, begeht mit Besuchern die Gewölbe der ehemaligen Königstadt-Brauerei oder die Wasserspeicher an der Belforter Straße. Dabei werden dem Besucher so manche Kuriositäten offenbart. Wussten Sie beispielsweise, dass die Gewölbe der Königstadt-Brauerei während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzbunker und für die Waffenproduktion sowie später für die Züchtung von Champignons genutzt wurden? Die Berliner Unterwelt – Lernen am historischen OrtDie unterirdischen Bauwerke entziehen sich – anders als historische Bauwerke „über Tage“ – der optischen Wahrnehmung. Der Verein „unter-berlin“ hat sich zur Aufgabe gemacht, die buchstäblich „verschüttete“ Geschichte wieder zugänglich zu machen. „Diese unterirdisch gebauten Orte sehen ungewöhnlich aus und sind sensorisch ansprechend. Das weckt eine Neugier im Besucher, und die machen wir uns zunutze“, so Niko Rollmann. „Anders als durch die Vermittlung über Bücher wird Geschichte im Gang durch die Gewölbe und Tunnel für den Besucher plastisch und somit greifbar“. Das unterirdische Berlin – lebendige Geschichte statt MuseumsbesuchFür den Verein sind zwei Fragen von zentraler Bedeutung: Warum gehen Menschen unter die Erde? Und was denken sie sich dabei? „Wir wollen“, so Niko Rollmann, „die unterirdischen Orte so zeigen, wie sie sind. Die Gegenstände werden nicht weggeräumt, archiviert und hinter Glaskästen gesteckt wie in einem Museum. Der Besucher soll vielmehr mit seiner Umgebung kommunizieren, sich in die Menschen hineinversetzen, ihren Alltag und ihre Ängste verstehen.“ Enttrivialisierung des UntergrundesDas Thema Untergrund-Führung ist in Berlin nichts Neues. Was also unterscheidet die Arbeit des Vereins „unter-berlin“ von anderen historischen Stadtführungen? „Unser Ziel ist eine allumfassende Sicht des Phänomens – weg von Untergrund-Klischees, wie den Legenden um unterirdische Labyrinthe der Nazis, Bernsteinzimmer, Gothic-Szene usw.“, so Niko Rollmann. „Wir wollen eine „Enttrivialisierung“ des Themas Untergrund und distanzieren uns von der „bunkerlastigen“ Darstellungsweise der Medien“. Neben den Führungen will der Verein „unter-berlin“ deshalb in Seminaren den Zusammenhang zwischen Architektur und unterirdischem Wirken erschließen und historisch aufarbeiten. Überblick über das Programm des Vereins „unter-berlin“. Buchtipp: Niko Rollmann und Eberhard Elfert: Die Stadt unter der Stadt. Das unterirdische Berlin. Broschiert. 91 Seiten. Jaron Verlag (Das Buch erscheint Ende Februar 2010 in einer neuen Auflage). Urheberrecht: Bettina Henningsen. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
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